• RNZ Sinsheim         23.05.2008
  • Ein Gebräu mit viel Seele siedet am Fuße des Steinsbergs

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Ein ungewöhnliches und dennoch zum Kraichgau passendes Getränk haben Christine und Michael Rau parat: Met. Foto: Kegel

  • Von Tim Kegel
  • Sinsheim-Reihen. "Vergessenes Handwerk", so nennt Michael Rau sein archaisch anmutendes Tun, die Met-Siederei. Die langsame Vergärung von Honig, Wasser und Hefen, das Sieden, Handwerken nach alter Art, Eingebettetsein ins Dörfliche, Verwurzelung in den Bauern- und Küferstand und Interesse für die Mythen des Abendlands – daraus, so lässt der 41-Jährige durchblicken, entstehe ein Trunk mit einer Seele.
  • Der Etrusker-Met verwendet italienischen Waldhonig, fällt goldenschwer ins idealerweise tongebrannte Trinkgefäß. Im Glas bildet er die vom Wein bekannten Schlieren, die "Kirchenfenster". Den Wotans-Met legten Michael und Christine Rau für zwei Jahre ins große Holzfass, mit Holznoten, opulent und gänzlich trocken überrascht jenes Honigwasser. Im mittlerweile vergriffenen "Rheingold" flimmern Goldplättchen im Blütenhonig.
  • Geschmacklich und beim Alkoholgehalt ist der Rau’sche Met dem Wein verwandt, die höheren Qualitäten brauchen – mitunter auch preislich – den Vergleich mit Wuchtbrummen wie Ruländer Spätlese, gealterter Auslese von Traminer oder Riesling, einem Banyuls, Vin Santo oder mit dem westfranzösischen Sauternes nicht scheuen. Der Gärprozess, die Siederei, bei Temperaturen um die 60 Grad, rückt den Met in die Nähe des Biers. Auch ohne Siederei ginge es, doch die mache den Met erst "rund", sagt Michael Rau. Sie mache – um im mystischen Genre zu bleiben, der dem Sud seit Ahnentagen anhaftet und den Rau auch in Sachen Namensgebung ("BaphoMet") mit gewissem Augenzwinkern kultiviert – "das Rohmetall langsam zum Schwert."
  • Reichlich Hirnschmalz und Erfahrung auf ungewöhnlichen, teils unkonventionellen Pfaden liegen in der seit vier Generationen betriebenen "Kraichgau-Brennerei" der Familie im Allgemeinen, in der Person Michael Rau im Speziellen. Seit er denken kann "waren Bäume, Obst, Gärung und Alkohol Gesprächsthemen in unserer Familie."
  • Sein Werdegang im Schnelldurchlauf umfasst Kindheitserlebnisse in einem Betrieb, der heute jährlich 500 Tonnen Obst zu Apfelwein, Maische, Branntwein und Edeldestillaten verarbeitet; Auslandsaufenthalte mit dem Vater, der Kraftfahrer war und "dort anhielt, "wo das einfache Volk aß und trank", er entsinnt sich zurück "als kleiner Grutzer in spanischen Bodegas", beschreibt das "Säckeschleppen während des Mostens", den hart-herzlichen Umgangston der Dorfgemeinschaft, den Wissensaustausch "mit den Alten" als Sozialisationsprozess, lässt sich vom Sagenschatz der altnordischen Edda inspirieren, von Rausch- und Askeseritualen, vom Mondkalender, Pfarrer Kneipp und biologisch-dynamischer Wirtschaftsweise.
  • Trotz 40000 Litern Met jährlich, dessen Geschichte Rau buchartig bis in die graue Vorzeit genauestens schildern kann, will er den Betrieb "ländlich-überschaubar", das Produkt "regional und frei von chemischen Mittelchen und Zusätzen" halten. Etwaige "Anhängigkeit von der Massenindustrie" ist für ihn – man ahnt es schon – ein Gräuel, was dem Geheimtipp-Status nicht abträglich ist. Zurzeit experimentieren die Raus mit Heilkräutern im Met, wie dem salicylathaltigen Mädesüß ("wie Aspirin") oder den Alkaloiden des Waldmeisters.
  • Hier weiß einer genau, was er tut: Im früheren Beruf Fachkrankenpfleger für Psychiatrie, machte Rau schon damals Alkohol und Drogen zum Thema. Die letzten Jahre wirkte er in der Psychiatrischen Klinik der Uni Heidelberg und erarbeitete dort ein Suchtkonzept für eine Entgiftungsstation, lernte "die andere Seite des Alkohols" kennen". Als "sehr bereichernd" erlebte er es, "Menschen auf Grenzwegen zu begleiten."
  • Auch diese Erfahrungen fließen heute in die Arbeitsphilosophie ein. "Es ist von Vorteil, die Grenze zwischen Genuss und Problem zu erkennen, sowohl für mich, als auch für den Kunden." Es sei nichts Unmoralisches dabei, im Gegenteil. "Hohe Moral bedingt auch eine hohe Verantwortung."